In jeder Gesellschaft gibt es Schwierigkeiten und akute Probleme. Manche pflegen sich zu wiederholen, die anderen wirken eher neu und unerwartet. Das Problem der niedrigen Geburtenrate ist für unsere moderne Gesell- schaft allerdings weder neu noch unerwartet. Es hat viele Ursachen. Die erste Ursache ist mit der Ausbildung verbunden. Lange Studienzeiten, später Übergang in die Arbeitswelt und das damit verbundene niedrige Einkommen halten die jungen Leute bis zu einem Alter von 30 Jahren oder noch länger von einer Familiengründung fern.
Zweitens gibt es zurzeit bei weitem nicht ausreichend Institutionen, die Eltern entlasten und Möglichkeiten der Kinder- betreuung anbieten. Die dritte – merkwürdige – Ursache ist eine relativ hohe Lebensqualität. Man ist gegen die meisten Lebensrisiken versichert und braucht keine große Nachkommenschaft mehr, um die eigene Zukunft dadurch zu sichern.
Das schließt trotzdem eine weitere Ursache nicht aus: Zukunftsangst. Dazu gehören zunehmende Globalisierung, schwer lösbare Umweltprobleme, Terrorismus und Gewalt in der Gesellschaft, Arbeitslosigkeit und Kürzung von Sozialleistungen. Potentielle Eltern fragen sich immer wieder: In was für einer Welt wird mein Kind leben? Ob ich genug verdienen kann, um Kinder großzuziehen?
Die Auswirkungen sind schon sichtbar: Bevölkerungsüberalterung, Fehlen von Arbeitskräften, Schulschließungen, leere Universitäten. Diese Situation wäre kurzfristig nicht einmal durch eine öffnende Einwanderungspolitik zu lösen. Umfassende Reformen sind notwendig und dürfen nicht mehr auf die lange Bank geschoben werden.
Zur Lösung sind unterschiedliche Ansätze denkbar. So kann man zum Bei- spiel über eine finanzielle Unterstützung von Studenten mit Kindern nach- denken sowie über den Ausbau zusätzlicher kostenloser Kindereinrich- tungen. Weiterhin sollte darüber nachgedacht werden, den Kündigungs- schutz von Mitarbeitern mit Kindern in der Arbeitsgesetzgebung zu ver- ankern.
Drittens sollte schnellstmöglich die Kindergeldpolitik überdacht und eine neue, ebenfalls verfassungsgemäße Lösung gefunden werden. Eine inter- essante Variante wäre es, gezielt kinderreiche Arbeitnehmer finanziell zu unterstützen bzw. zu fördern.
Aber es gibt auch ein Familienbild jenseits des Portmonees. Wer Familie und die Anreize zur Gründung von Familien immer nur auf das Finanzielle redu- ziert, springt zu kurz. Der Zusammenhalt und die Geborgenheit, die eine Familie bietet, lassen sich nicht erkaufen.
Der Weg aus der niedrigen Geburtenrate führt nur über kinder- und famili- enfreundliche Politik und muss jenseits der Frage, ob das Kindergeld noch einmal um 10 oder 30 Euro erhöht wird, in den Köpfen derer ankommen, die jetzt nach dem Generationenvertrag an der Reihe wären, eine neue Gene- ration in die Welt zu setzen.

