Veröffentlichung:
24.05.06
Schnelle Lösungen gegen rechte Gewalt gibt es nicht

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24.05.2006
Schnelle Lösungen gegen rechte Gewalt gibt es nicht


Auch auf dem Schleswig-Holstein-Tag in Eckernförde konnte man sie se- hen: Junge Männer, mal in Zweier-, mal in Dreier-Grüppchen, schwarze Jacke, weiße Senkel in schwarzen Schnürstiefeln, ein verschüchtert wir- kender „Deutschland“-Aufnäher auf dem Ärmel. Sind diese jungen Männer die rechtsradikale Bedrohung, von der man jetzt jeden Tag in der Zeitung liest?

Man kann nicht in ihre Köpfe kucken, man weiß nicht, ob sie in Borby, Bar- kelsby oder Osterby einen andersfarbigen Menschen zusammenschlagen würden. In den allerwenigsten dieser Köpfe wird blanker Hass auf andere Menschen stecken. Was aber in den meisten dieser Köpfe steckt, ist eine tiefe Verunsicherung darüber, was heutzutage eigentlich noch gilt, welche Werte heute noch gesellschaftlich anerkannt sind.

Wer zu Hause nie vorgelebt bekommen hat, wie wichtig und richtig Tole- ranz und Respekt vor anderen ist, wer kein stimmiges Weltbild hat, das auch an Normen, Werte und Gesetze gebunden ist, der ist empfänglich für andere Werte. Der lässt sich verführen von Gruppen, in denen zweifelhafte Begriffe wie „Treue“ und „Kameradschaft“ die einzigen Merkmale sind und komischerweise immer von denen eingefordert werden, die im langen schwarzen Mantel in der zweiten Reihe stehen und auf eine Bierkiste stei- gen müssen, um mal etwas von der Welt zu sehen.

Diese jungen Männer - und manchmal auch Frauen - als verwirrte Spinner abzutun, denen ausschließlich mit der vollen Härte des Gesetzes beizu- kommen ist, ist ebenso illusorisch wie falsch. Vielen fehlt es an der Aner- kennung der eigenen Person, an einer gelungenen Persönlichkeitsent- wicklung. Und vielen fehlt ein optimistischer Blick in die eigene Zukunft.

Perspektivlosigkeit, Bedürfnis nach Anerkennung und Aufmerksamkeit durch wen auch immer, macht ihn und sie empfänglich für einseitige Verblendung, für den Versuch, Aufmerksamkeit durch martialisches Auftreten und Wie- derholen schwachsinniger und falscher Parolen zu gewinnen.

Diese Probleme werden wir nicht schnell lösen können. Ich sehe eine Viel- zahl von Maßnahmen, die wir endlich ergreifen müssen, z. B.:
  • Programme gegen Rechtsradikalismus wie ENTIMON und CIVITAS müssen ausgeweitet und nicht zusammengestrichen werden, wie CDU und CSU es wünschen.
  • Wir müssen jungen Menschen eine Perspektive bieten. D. h., wir müssen ihnen einen Schulabschluss ermöglichen, eine Ausbildung anbieten und einen Arbeitsplatz.
  • Wir müssen diejenigen entschlossen bekämpfen, die rechtsradikales, menschenverachtendes, fremdenfeindliches Gedankengut verbreiten und so die „Früchte“ verfehlter Erziehungsarbeit, Bildungs- und Arbeitsmarktpolitik einsammeln.
Dafür werden wir einen langen Atem brauchen und wir müssen mit Si- cherheit mehr Geld in die Hand nehmen. Und deshalb hoffe ich, dass die Aufmerksamkeit der Politik, der Medien und der Gesellschaft an der Be- kämpfung rechter Gewalt und ihrer Ursachen nicht wieder nachlässt, so- bald die Fußballweltmeisterschaft („Zu Gast bei Freunden“) glimpflich für unsere andersfarbigen Besucher abgelaufen ist.


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